Hasen, Tempomacher, Pacemaker

Seminare Laufreisen Firmenseminare Vorträge Laufartikel Ratgeber Walktreff unser Team
  unser Hotel Laufgourmet? Laufbücher Lauflinks Titelseite Impressum  

Copyright, Text, Fotos: Herbert Steffny

Hasengeschichten und Fersengeld
22.1.2007 mit Fotos vom 3.2.2007 (aktualisiert bis 2009)

Frage dich als Journalist nicht nur:
"Wie heißen die Favoriten?"
sondern unbedingt auch:
"Wer sind die Hasen?"


Anlass für diesen Artikel ist für mich folgende Frage von Volker U.:

Hallo Herr Steffny,
nicht nur Sie verwenden bei Ihren ARD TV-Kommentaren den Begriff "Hase" oder "Edelhase". Könnten Sie mir wohl bitte kurz aufschreiben, was/wen Sie darunter verstehen. Viele Grüße Volker U.

So lieber Volker, das tue ich hiermit: ...

Falscher Hase

Geben Sie mal spaßeshalber bei wikipedia.de "Edelhase" ein, Sie werden der Lösung dabei aber nicht nahe kommen. Bei "Hase" gibt es dann schon interessante synonyme Bedeutungen wie "Playboy-Häschen" oder gar "Betthasen", aber selbst dort ist die hier gemeinte Bedeutung bisher noch nicht verewigt worden (was ich aber am 23.1.2007 dort nachgeholt habe...). Gehen Sie bei Google.de auf "Bilderanzeige" und deaktivieren in Ihrer Verzweiflung auch noch den Kinderschutz... oje, was da alles auftauchen kann.... ;-)), interessant, aber Sie sind immer noch auf dem falschen Dampfer... Falscher Hase! (ein Hackfleischgericht.... so stehts in Wikipedia).

Aber nun im Ernst: Es handelt sich um einen oder mehrere Tempomacher oder Schrittmacher (englisch "pacemaker"), die man für die Erzielung von Strecken- oder Weltrekorden bei City Marathons oder internationalen Leichtathletik Sportfesten einsetzt. Bei Meisterschaftrennen ist das nicht erlaubt, es kann dabei aber durchaus zum "Teamwork" einer National- oder Vereinsmannschaft kommen. Bei Radrennen nennt man die Helfer auch Edel-Domestiken oder Wasserträger, weil sie dem Chef auch noch die Wasserflaschen und Müsliriegel hinterher tragen müssen...

Von wegen Angsthase

Die Aufgabe der Tempomacher beim Laufen ist es, das Feld anzuführen und das Tempo möglichst konstant auf die geplante Zielzeit vorzugeben, um den eigentlichen Favoriten oder Stars in der ersten Phase des Rennens diese Arbeit abzunehmen. Zu den Aufgaben gehört es beispielsweise die Zwischenzeiten zu kontrollieren, bei ungünstigen Bedingungen vorne laufend auch den Wind zu brechen oder auch Informationen einzuholen und weiter zu geben. Die zierlichen Eliteläuferinnen werden im Pulk der Männer von ihren Hasen bisweilen auch ein wenig abgeschirmt. Beim Marathon steigen diese Läufer je nach Absprache oder Vertrag meist nach Halbmarathon oder bei 25 Kilometern aus, Edelhasen schaffen es vielleicht bis Kilometer 30. Der Job ist beendet. Von nun an muß der Topläufer oder die verbliebene Führungsgruppe alleine weiterlaufen. Es kann bei einem großen City Marathon wie in Berlin schon bis zu 30 Hasen geben, die für verschiedene Gruppen der Männer und Frauenelite das Tempo vorgeben. Weiter kann man noch "vom Veranstalter gestellte" und "persönliche Hasen" differenzieren. Letztere bringt sich der Star XY selbst mit. Es ist der Läufer seines Vertrauens. Für besonders zuverlässige "Edelhasen" wird einiges bezahlt. Einige (zig-)tausend Euro können da schon drin sein, eventuell noch eine Erfolgsprämie bei Gelingen des Unternehmens (Welt-)Rekord.

Echte Edelhasen

Bekannte Hasen sind Martin Keino, der Sohn des kenianischen Olympiasiegers Kipchoge Keino, dessen Talent nicht ganz für eine Super-Solokarriere reichte, aber als Hase hatte er ein superbes Zeitgefühl und war bei den internationalen Sportfesten wie in Zürich eine sichere Bank für solche Aufgaben. Der frühere 2:10 Marathonläufer Carsten Eich aus Deutschland verdingte sich bei den deutschen City Marathons am Ende seiner langen Karriere als ebenfalls gut agierender Tempomacher mit klarem Überblick, der bisweilen die zu individuellen Aktionen neigenden Kenianer koordinieren und zusammenhalten konnte. Ich selbst machte zu Beginn meiner Karriere, als Durchgangsstation gewissermaßen, dem WM-Vierten Kjell-Erik Stahl aus Schweden beim Bremen Marathon das Tempo zu seinem Sieg. Er wäre sonst auf weiter Flur alleine gelaufen. Ich habe ihn damals bewundert und viel vom ihm gelernt, so z.B. frühzeitig das Konzept des Stretchings schon zu Beginn der 80er Jahre. Später war ich stolz, aber auch ein wenig betroffen, meinen Star, den City Marathon Champion Stahl bei meinem Sieg beim Hoechst Marathon 1985 oder bei der Europameisterschaft 1986 hinter mir zu lassen.

Rasende Hasen

Manchmal fühlt sich der Tempomacher bei 25 Kilometern selbst noch blendend. Es kann sein, dass der Hase dann auf eigene Kappe weiter läuft und es ist schon einige Male passiert, dass er den Marathon auch gewonnen hat. Als Kommentator beim City Marathon muß ich immer auch über die Hasen im Bilde sein. Man weiß nie was da passieren kann. Auch der Starläufer kann den Hasen nie 100-prozentig trauen. Bekannt wurde der ursprüngliche Tempomacher Sammy Korir beim Berlin Marathon 2003, der seinen Chef Paul Tergat bis zum Ende alles abforderte, zum Weltrekord trieb (2:04:55 Stunden) und ihn mit nur einer Sekunde Rückstand um ein Haar noch geschlagen hätte. Es wurde damals viel spekuliert, ob der Hase seinen Chef und Landsmann Paul Tergat verschont habe, schließlich war er aus dem selben (Fila-)Team. Es sollte eine Stallorder gegeben haben, denn dem Team wären vielleicht Erfolgsprämien, die nur an den Sieg Tergats gekoppelt waren entgangen. Ich habe mir den Spurt der beiden Kontrahenten mehrmals genau angeschaut und bin bis heute der Überzeugung, dass der Zweikampf echt und nicht gefaked war! Für mich ist Tergat der Champion und Korir der beste Marathonhase aller Zeiten!

Männer im Frauenrennen

Die kurioseste Hasengeschichte konnte man beim London Marathon erleben. Männer- und Frauenelite starten dort fein säuberlich nach Geschlecht getrennt. In dem vom Veranstalter lautstark angepriesenen "reinen Fraueneliterennen" zeigen aber komischerweise dann doch wieder männliche Hasen (Rammler?) der Dame, wo es lang geht, ähhhhh.... sie machen ihr das Tempo. So auch 2003 beim Weltrekord von Paula Radcliffe. Hier begleiteten die Kenianer Simon Loywapet und Christopher Kandie Paula zum Weltrekord (2:15:25 Stunden). Ja was denn nun bitte liebe London Veranstalter, getrennte Rennen oder nicht? Immerhin laufen hier die leichten Mädchen auf der Straße ausnahmsweise mal hinter den Männern her.... (näheres dazu: Magermodels und Marathonläuferinnen). Mittlerweile haben die Londoner - wohl doch etwas hasenfüßig geworden - die männlichen Tempomacher für das Frauenrennen wieder aus dem Verkehr gezogen.

Hasenkiller, Pfeifhasen und Hasentod

Ein richtiger "Hasenkiller" war der 3.000 Meter Hindernisweltrekordler Stephen Cherono aus Kenia, seit seinem Wechsel als Fremdenlegionär (oder auch von mir "Petrol-Kenianer" genannt) in Qatar auch als Saif Saaeed Shaheen bekannt. Er ist seiner Konkurrenz derart überlegen, dass es niemanden gab, der ihm über die Hälfte des Hindernisrennens hinaus noch helfen konnte (oder wollte). 2006 scheiterten seine Weltrekordversuche angeblich am Versagen der Hasen, was natürlich aus meiner Sicht Unsinn ist. Wer so überlegen läuft, braucht sich natürlich nicht zu wundern, dass da keiner mehr mithalten kann. Dem ist sozusagen nicht mehr zu helfen... Es geht auch anders: vielleicht sollte Shaheen einfach auf die Hasen pfeifen, so wie der neue Hasenkiller Samuel Wanjiru. Dem nur 1,63 großen, damals erst 20-jährigen Kenianer wurde es bei seinem Halbmarathon Weltrekordlauf (58:35) in Den Haag am 17.3.2007 schon nach drei Kilometern zu langsam. In einem 18 Kilometer-Sololauf verbesserte er sozusagen "en passant" auch noch den 20km Weltrekord....

Und noch jemand möchte die Hasen aussterben lassen: Das Internationale Leichtathletik Sportfest in Zürich fand 2007 im neu erbauten Letzigrund-Stadion statt, aber erstmals wurden die 1,4 Millionen US-Dollar Preisgelder ohne "Edelhasen" vergeben. Andreas Hediger, Technischer Direktor des Weltklasse Zürich Meetings wollte statt stereotyper Rekordjagden wieder atemberaubende Duelle und harten Zweikämpfe in den Vordergrund stellen. Die Konsequenzen waren aber langsame Zeiten und Spurtersiege.* Auch der New York Marathon hatte ähnliches für seine Auflage 2007 angekündigt. Vielleicht möchte man dort aber auch nur von der langsamen Strecke ablenken, die bei einer Weltrekordhatz ohnehin nicht mithalten könnte. Kommt der "Edelhase" vielleicht bald auf die Rote Liste der aussterbenden Tierarten?

* Nachtrag vom 27.1.2008: offenbar hat man in Zürich aus 2007 doch die Konsequenzen gezogen und wird in begrenztem Rahmen 2008 wieder Hasen einsetzen, denn die Fans möchten es offenbar so...

Dieser Mann braucht keine Hasen:

Marathon Olympiasieger Samuel Wanjiru


Häsin Teil 1: Die zuverlässige Russin Olga Komyagina macht
der Äthiopierin Meseret Defar (241) zunächst bis 1800 Meter
erfolgreich das Tempo auf Weltrekordkurs...

(Foto, Copyright: Herbert Steffny)


Häsin Teil 2: nach getaner Arbeit tritt sie zur Seite und gibt den
Weg frei. Das Unternehmen war erfolgreich, denn die Äthiopierin
Meseret Defar (vorne) läuft über 3000 Meter in Stuttgart am
3.2.2007 Weltrekord mit 8:23,72 Minuten.

(Foto, Copyright: Herbert Steffny)


Hasentod! Sterben die Tempomacher aus? Hier ein "Hase"
vor dem späteren Hamburg Sieger Rodger Rop (Nr.26)
(Foto, Copyright:: Herbert Steffny)


Zug- und Bremsläufer: Schrittmacherdienste für's gemeine
Läufervolk: Ballonmarkierte Tempomacher geben den Weg
auf 4:30 Stunden beim Florenz Marathon 2008 vor. Bei 35k
sind offenbar alle noch gut drauf! Ein toller Service!
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

zurück zu anderen Artikeln

zurück zum Ratgeber

Home

Inhaltsverzeichnis